Sternebeobachtung: Venus, Jupiter, Mars und Mensch

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Der Blick in den Sternenhimmel löst oft nicht nur Bewunderung, sondern auch Zweifel aus: was kann der kleine Mensch im großen Kosmos überhaupt für die irdische Natur bewirken? Philosophische Überlegungen bei der Sternenbeobachtung über dem Nationalpark Gesäuse

 

Rund 150 Millionen Kilometer. So weit ist die Erde von der Sonne entfernt, die sich nun langsam hinter den Berggipfeln des Nationalparks Gesäuse verabschiedet und uns die Reißverschlüsse unserer Jacken hochziehen lässt. Alle unsere Tipps zur richtigen Distanz waren falsch gewesen, so wie es an diesem Abend noch öfters passieren soll. Klaus Tschernschitz, Hobby-Astronom und Leiter der heutigen Sternenbeobachtung, ist geduldig und versucht noch einmal, uns schätzen zu lassen: was wenn man unser Sonnensystem platt drücken und auf CD-Größe schrumpfen würde – wie groß wäre im Vergleich dann die Milchstraße? So groß wie ein Elefant? Ein LKW, ein Haus, der Eiffelturm? Alles daneben. In Relation wäre die Milchstraße so groß wie der Durchmesser der Erde, also 12.742 Kilometer.

Der kleine Nationalpark in der Obersteiermark ist – so sagen die Nationalparkmitarbeiter – der dunkelste Ort Österreichs. Hier ist man fern von Lichtverschmutzung, also gestreutem Licht durch städtische Aktivitäten, von der laut einer Studie schon 80 Prozent der Weltbevölkerung betroffen sind. Deswegen haben sich heute rund 30 Interessierte hier versammelt, um an einem abgelegenen Ort ferne Sterne und Planeten zu bewundern. Dazu kommt, dass am selben Wochenende der Höhepunkt des sogenannten Perseidenschauer stattfindet, ein wiederkehrender Meteorstrom, bei dem besonders viele Sternschnuppen sichtbar werden.

Ein Blick durch das Teleskop auf Jupiter (c) Katharina Kropshofer

Kosmische Einordnungen

Der Meteorit liegt schwer in den Händen (c) Katharina Kropshofer

Endlich ist es dunkel genug und Tschernschitz, der sich selbst gern „Sternschitz“ nennt, beendet seine Astronomie-Einführung. Zum Schluss gibt er einen Meteorit-Brocken durch die Runde. Beinah unwirklich liegt das schwere Stück Gestein in meinen Händen und gibt Anlass, die kosmischen Dimensionen weiter verstehen zu wollen.

Wir befinden uns im Nationalpark Gesäuse, Steiermark, Österreich. Zoomt man weiter raus, lokalisiert man uns am Kontinent Eurasien, Planet Erde, Sonnensystem, Milchstraße, Universum. „Das Universum ist auch in uns“, sagt Tschernschitz und bezieht sich auf den Meteoriten, der aus Materie besteht, die sich so wie alles auf der Erde – inklusive uns selbst –  im Weltraum wiederfindet.

Alle Sterne und Planeten, die wir heute Abend sehen werden, sind Teil dieses gewaltigen Universums, das auch unser Zuhause ist. Aber es ist nicht immer so leicht eine Verbindung zu uns selbst herzustellen, wenn wir in den Himmel schauen. Ferne Objekte, so abstrakt, dass man sie kaum mit dem bekannten Leben auf der Erde vergleichen oder in Beziehung setzen kann. Unfassbarkeiten ausgedrückt in unvorstellbar hohen Zahlen, die das Alter von Objekten oder die Entfernung von Sternen beschreiben. Wie und wo ordnen wir uns in diese kosmische Abfolge ein?

Gespräche zu diesem und ähnlichen Themen hört man immer wieder, wenn man den anderen Gästen lauscht, die sich in kleinen Grüppchen zusammengefunden haben. Manchmal liest man diese bewundernden und gleichzeitig ehrfürchtigen Gedanken aber auch in den Augen derer, die sich aus der gebückten Teleskop-Haltung aufrichten.

Das Teleskop „Schneekanone“ (c) Katharina Kropshofer

Währenddessen hat Tschernschitz’ Kollege Bernhard drei Teleskope verschiedener Größenordnung aufgebaut. Das mittelgroße ist bereits auf unseren Nachbarplaneten Venus eingestellt. Es folgen Jupiter, mit drei, später auch allen vier größten Monden, die man nur sieht, wenn das Teleskop alle paar Minuten wieder neu eingestellt wird. Wer gedacht hat, dass den ganzen Abend gemächlich in den Himmel gestarrt wird, hat sich wohl getäuscht. Resolut geht es weiter: Saturn taucht auf, dessen Ring in mir die größte Faszination auslöst, weil er in Sachen Absurdität und Unverständnis noch eines draufsetzt.

Inmitten von Gesichtern, die zwischen den Teleskopstangen wieder auftauchen, sieht man auch solche, die den Nacken überstrapazierend Richtung Firmament blicken. Finger deuten in die Höhe, Bernhard fährt mit seinem starken Laser die unsichtbaren Linien nach, und gemeinsam werden Sternenbilder gezeigt, verglichen und bewundert. Und dann ist da noch das kollektive Staunen, das lautstark beim Vorüberziehen einer Sternschnuppe zu hören ist – gefolgt von den enttäuschten Seufzern derer, die sie nicht gesehen haben. Die Gruppe lichtet sich ein wenig, jedoch werden die, die es länger durchhalten, belohnt: der Himmel ist jetzt so klar, dass man einen großen Teil der Milchstraße von Norden bis Süden sehen kann. Das ist nur an abgelegenen Orten wie diesem möglich. Außerdem zeigt Tschernschitz nun ein besonderes Vorkommnis: den Blick auf eine andere Galaxie, die sogenannte Andromeda-Galaxie.

Naturschutz ist Menschenschutz

Darauf blicke ich also, wenn ich mein Auge an den kühlen Metallring drücke und damit kämpfe, mein Gehirn zum Fokussieren auf diese winzigen Kreise zu zwingen. Ein bisschen Fantasie gehört auch zu diesen astronomischen Ersterkundungen dazu. Denn es scheint schier unmöglich, die abstrakten Größen und Distanzen in Form der kleinen Kringel zu verstehen.

Doch gerade auf Grund dieser Abstraktion kann der Sternenhimmel auch Inspiration und Quelle für Lektionen auf der Erde sein. Für wen schützen wir diese Erde, ist eine der Fragen, die mir an diesem Abend immer wieder durch den Kopf gehen. Wenn wir hinaufschauen zu den Millionen an Sternen, die den Millionen Optionen für ähnliche Lebensweisen zu unserer entsprechen, dann kann man die Bedeutung des eigenen Schaffens leicht hinterfragen. Stellt man unsere Lebensdauer in Relation zum Alter des Planeten, des Sonnensystems und überhaupt des ganzen Universums, scheint unser Einfluss sowieso gegen Null zu gehen. Denn rechnet man das Erdalter auf 24 Stunden herunter, ist für die Menschheit gerade einmal eine Sekunde übrig.

Im Angesicht von Klimawandel, einer sinkenden Anzahl von Vögeln, Insekten, der Vermüllung der Weltmeere und dem Aussterben vieler Arten, könnte es deshalb nahe liegen Natur- und Artenschutz mit Resignation zu begegnen. Viel zu unwichtig und zu kurz ist unsere Zeit hier, das Argument. Doch am Ende ist es nicht die Natur, die von uns abhängig ist und die wir deswegen schützen müssen. Die viel größere Erkenntnis ist, dass wir Menschen von der Natur abhängig sind und Naturschutz deswegen auch gleich Menschenschutz ist. Falls wir morgen von der Erde verschwinden sollten, dann wären in 10.000 Jahren fast alle Spuren der menschlichen Existenz verschwunden. Die Natur braucht uns nicht – aber wir brauchen sie. Und weil sich Menschen bekanntlich gerne selbst auf die Schulter klopfen, könnten wir den Naturschutz doch auch egoistisch begründen, oder? (Autorin: Katharina Kropshofer)


Wer sich zwischen den Sternen in Gedanken verlieren will, kann am 14. September die Astronomie pur selbst erleben oder am 16. November die Sterne über Jois bewundern.  


 

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