Der Nationalpark Hohe Tauern ist das größte europäische Schutzgebiet und erstreckt sich über 1.856 km2 über die grandiose Gebirgslandschaft der drei Österreichischen Bundesländer Salzburg, Kärnten und (Ost-)tirol. In Osttirol arbeiten 12 Nationalparkranger und –rangerinnen, um Besuchern die Besonderheiten der Hohen Tauern, insbesondere seine Tier- und Pflanzenwelt, aber auch das kulturelle Erbe und die Traditionen seiner Menschen zu vermitteln. Auf unserer Kräuterwanderung begleitet uns Carola, seit 16 Jahren Rangerin und ausgezeichnete Kennerin des Gebietes.

In der warmen Herbstsonne wandern wir entlang des „Weges der Sinne“ direkt vom Ortszentrum Virgen durch die kleinstrukturierte Wiesen- und Heckenlandschaft unterhalb des Ortes. Die alten, von Moosen, Farnen und Flechten bewachsenen „Klaubsteinmauern“ sind idealer Lebensraum für eine Vielzahl an Insekten, Amphibien und kleinen Säugetieren. Rund um die Mauern hat sich zudem eine artenreiche Heckengesellschaft entwickelt, die man sich erwandern, „erriechen“ und auch „erkosten“ kann.

Essbare Beeren im Herbst

Im Herbst tragen die Sträucher schwer an ihrer Beerenlast. Wer weiß, welche Beeren essbar sind und was man aus ihnen machen kann, der fühlt sich wie im Schlaraffenland.

  • In dicken Trauben hängen beispielsweise der Schwarze Holunder – Stichwort Holundermus - und die Vogelbeere - Vogelbeerschnaps oder Marmelade – an den Ästen.
  • Die Wilde Johannesbeere lädt zum Naschen ein, vorausgesetzt man erwischt die wohlschmeckende, denn „es gibt auch die, umgangssprachlich genannte, ‚Dabernize’ – eine Art, die sich äußerlich nicht von der guten Johannesbeere unterscheidet, aber nach nichts schmeckt,“ erklärt Rangerin Carola.
  • Auch die Hagebutte ist bereits leuchtend rot. Damit sie richtig aromatisch wird, sollte sie allerdings am Strauch hängend die ersten Nachtfröste miterleben. Erst dann ist die perfekte Zeit, um sie für Marmelade oder Tee zu ernten. Der Vitamin-C-Gehalt der Früchte ist extrem hoch. Schon 25 g decken den Tagesbedarf eines Erwachsenen!
  • Auch die schwarzen Beeren der Traubenkirsche eignen sich für Marmelade, obwohl die Frucht einen ziemlich großen Kern besitzt. „Zu Kriegszeiten hat man die Kerne geröstet und als Kaffeeersatz verwendet“, erzählt Carola. Es wäre interessant zu testen, wie das wohl schmeckt.
  • Ein typisches Heckengehölz ist auch die Berberitze. Obwohl die Pflanze eigentlich giftig ist, kann man die roten Beeren essen. Und sie schmecken gar nicht mal schlecht – sauer vor allem. Kein Wunder, enthalten sie doch reichlich Vitamin C. Irgendwie sind sie vergleichbar mit den in Mode gekommenen Goji-Beeren, die als Superfood gelten. Und tatsächlich schlägt Carolo vor: „Ein paar frische oder getrocknete Beeren in den Reis – das schmeckt köstlich.“
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Wilder Kräutergarten

Die Natur hält die ganze Vegetationsperiode über eine wunderbare Vielfalt an Heilpflanzen und essbaren Arten für Salate, Kräuteraufstriche oder als Gewürz bereit. Auf unserem keinen Herbstspaziergang durch die gepflegte und artenreiche Kulturlandschaft im Virgental haben wir so einiges gefunden. Hier eine kleine Auswahl:

  • Die Brennnessel: Sie ist eine Alleskönnerin und muss daher erwähnt werden. Ihre Blätter werden wir Spinat verwendet, für Füllungen von Teigmantelgerichten, in Eierspeisen, als Würzkraut und als Grundlage für Gemüsesäfte. Ihre Samen schmecken nussig und können in den Brotteig oder in Aufstriche gemischt werden. Aufgrund ihres hohen Eiweißgehaltes und ihrem hohen Vitamingehalt (v.a. A, B, C, E) haben es die Brennnesselsamen sogar in die Riege der „Superfoods“ geschafft.
  • Wilder Thymian: Auf den trockenen, warmen Klaubsteinmauern findet auch der Wilde Thymian gute Wachstumsbedingungen. Er eignet sich wunderbar als Gewürz oder getrocknet als Tee gegen Erkältungen.
  • Der Spitzwegerich: In ein Glas geschichtet – im Wechsel mit je einer Schicht Zucker - und ans Fenster gestellt, gewinnt man einen Sirup, der bei allen Erkrankungen der oberen Luftwege hilft. Aber selbst die rohen Blätter können schnell und effizient bei z.B. einem Insektenstich oder kleinen Wunden helfen, indem man sie einfach auf die Wunde drückt. Das klassische „Indianerpflaster“ kennt man doch noch aus der Kindheit, oder?
  • Silberdistel: Dass die schöne Silberdistel auch als „Jagabrot“ bezeichnet wird kommt daher, dass Jäger – und vermutlich auch Hirten –, die nichts mehr zu essen hatten, den Blütenboden der Silberdistel verspeisten – ähnlich der Artischocke. Da die Silberdistel bei uns aber als gefährdete Art gilt, bitte nur in Maßen selbst versuchen. So nebenbei ist die Silberdistel auch ein perfekter Wetteranzeiger. Steigt die Luftfeuchtigkeit, schließt sie ihre Blütenblätter. Meist ein sicheres Zeichen für baldigen Regen. Wie schnell die Pflanze reagiert, zeigt Carola in Form eines kleinen Experimentes:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Schöllkraut: Essen kann man das Schöllkraut nicht, da alle Pflanzenteile – vor allem der gelbe Saft – sehr giftig sind. Aber eben dieser Saft wird in der Volksmedizin gegen Hautwarzen eingesetzt – was der Pflanze auch den Beinahmen „Warzenkraut“ beschert hat. Wer es versucht hat, schwört darauf!
  • Frauenmantel: Last but not least - den Frauenmantel kann man nicht auslassen. Schon Hildegard von Bingen kannte den Frauenmantel und seine hochgeschätzten Wirkungen vor allem in der Frauenheilkunde. Tatsächlich enthält er hormonähnliche Inhaltsstoffe, die dem weiblichen Sexualhormon Progesteron ähneln und daher Mangelzustände ausgleichen kann. Als Tee getrunken wirkt er prämenstruellen Störungen und Wechseljahrbeschwerden entgegen, ist krampflösend und fördert nach der Geburt die Milchbildung. (Autorin Christina Schwann)

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