Sobald wir in der kalten Jahreszeit keine Falter mehr beobachten können, wähnen wir das Ende der Schmetterlings-Saison und säubern nicht selten sämtliche Grünflächen für den kommenden Frühling. Aber auch Schmetterlinge müssen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien die Eiseskälte des Winters überleben und brauchen gerade jetzt unsere besondere Unterstützung.

Aus dem Auge, aus dem Sinn?

Von den ersten warmen Sonnenstrahlen des Vorfrühlings bis in den Spätherbst können wir in der Natur Schmetterlinge beobachten. Angesichts des rasanten Insektensterbens der letzten Jahrzehnte sind inzwischen viele Menschen motiviert, in dieser Zeit Nektar-Tankstellen der verschiedensten Art für unsere kleinen Flatterer, Gaukler und Brummer bereit zu stellen.  Aber spätestens, wenn wir keine Falter oder Bienen mehr sehen, schwindet auch das Bewusstsein, dass sie weiterhin Unterstützung brauchen. Die großen Herbstarbeiten in Gärten, Parks und auf sämtliche Wiesenflächen stehen an. Alles wird gemäht, Hecken werden vor dem Winter geschnitten und Laub entfernt. So haben wir scheinbar alles gut vorbereitet, damit die Natur im Frühling wieder losstarten kann. 
Aber wo sind die Schmetterlinge eigentlich hingekommen? Natürlich sterben viele Falter in den ersten Frostnächten, aber auf der anderen Seite könnten sie im Frühling nicht neuerlich auftauchen, wenn sie nicht in einem ihrer vier Entwicklungsstadien den kalten Winter überdauern?  

Einige Schmetterlinge haben beeindruckende Strategien entwickelt, um auch in Winternächten noch aktiv zu sein.  Die meisten Schmetterlinge benötigen eine Muskeltemperatur von 30-40 Grad, um fliegen zu können. Ist es kühler, werden die Flugmuskeln vor dem Abflug in der Sonne gewärmt oder des nachts warmgezittert. Das funktioniert aber erst ab etwa 10 Grad Außentemperatur. Darunter sind die Falter praktisch vor Kälte gelähmt. Es gibt allerdings wie fast immer in der Insektenwelt auch Ausnahmen. Einige Nachtfalter wie diverse Arten des Frostspanners oder der sogenannten Wintereulen fliegen sogar noch bis etwa Ende Dezember oder schon wieder im Februar, sofern die nächtliche Temperatur zumindest 1 - 4 Grad Celsius über dem Gefrierpunkt liegt. Spezielle Enzyme in den Muskeln sorgen bei ihnen dafür, dass sie auch noch unter 10 Grad ihre Flügel durch Warmzittern auf Betriebstemperatur bringen können. Die flügellosen Weibchen der Frostspanner vermögen sogar noch bei Minusgraden, ihre Eier abzulegen. 

Aber mittels welcher Strategien überlebt ein Großteil der Schmetterlingswelt Temperaturen deutlich unter null Grad, sodass sie uns im Frühling wieder mit ihrer Gegenwart erfreuen und ihre wichtigen Funktionen im Ökosystem übernehmen? 

Dazu sind drei grundsätzliche Dinge zu sagen:

  1. Wanderfalter, die keinen Frost ertragen, versuchen, noch rechtzeitig vor Wintereinbruch in den Süden zu entkommen. Puppen, die noch nicht geschlüpft sind, erfrieren.
  2. Heimische Schmetterlingsarten können meist nur in jeweils einer ihrer vier Lebensphasen – also entweder als Ei, Raupe, Puppe oder als fertiger Falter überwintern.
  3. Die chemischen Anpassungsleistungen, mit denen ihnen das als wechselwarmen Tieren gelingt, sind in allen Entwicklungsstadien ähnlich.

 

Arten, die als Falter überwintern

Fünf Überwinterungsstrategien

Beginnen wir mit den unterschiedlichen Stadien, die je nach Art überwintern. Eine genaue Statistik, welche die Überwinterungsstrategien aller heimischen Tag- und Nachtfalter umfasst, habe ich leider nicht gefunden. Ich selbst züchte seit Jahren für umweltpädagogische Zwecke viele große Schmetterlings-Arten, die fast alle als Puppen überwintern. Umso überraschter war ich, als ich eines Tages bei einer Netz-Recherche herausfand, dass in unseren Breiten Schmetterlinge am häufigsten als Raupen überwintern. Hier seien nur einige Beispiele genannt: 

Überwinternde Raupen

Der elegante Kaisermantel legt seine Eier auf die Rinde von Bäumen in der Nähe von Veilchen-Beständen. Das Räupchen schlüpft noch vor dem Winter, frisst seine Eischale und überwintert dann ohne weitere Nahrungsaufnahme in einer Ritze der Baumrinde, bis im Frühling die Veilchen als ihre bevorzugte Futterpflanze wieder austreiben. Dann muss das kleine Räupchen den Weg dorthin finden, um zu fressen und zu wachsen.
Die Raupen des Schwarzen Trauerfalters schlüpfen bald nach der Eiablage im Juni, zum Beispiel auf Spiersträuchern. Dort fressen sie die ersten Monate kaum etwas und überwintern als Jungraupe in einem selbst gefertigten Blattgehäuse, einem sogenannten Hibernarium, welches dank Spinnfäden am Strauch hängen bleibt. Wenn im Frühling die Blätter austreiben, entwickelt sich die Raupe fertig und verpuppt sich. 
Die Raupen vieler Feuerfalter- und einiger Bläulings-Arten überwintern an ihren Futterpflanzen, wie zum Beispiel an verschiedenen Ampfer-Arten. Sie verkriechen sich dafür teilweise in Samenköpfchen oder Stängel. Die Raupen einiger Permutterfalter überwintern in Gespinsten in Bodennähe.
Beim Großen und Kleinen Schillerfalter überwintern die Jungraupen völlig ungeschützt an Zweige und Knospen geschmiegt. Bei entsprechenden Wetterbedingungen werden sie sogar von Eis überzogen und überleben dennoch. 
Die stark behaarte Raupe des Brombeerspinners entwickelt sich vor dem Herbst bis zum letzten Stadium und überwintert dann in der Bodenstreu oder unter Laub. Im Frühjahr verpuppt sie sich, ohne vorher noch einmal etwas zu fressen. Die Raupe des seltenen Eschenscheckenfalters überwintert bis zu dreimal, bevor sie sich verpuppt. 
Ein Extrembeispiel ist die Raupe der arktischen Art Gynaephora groenlandica. Sie ernährt sich von arktischer Weide, welche jeden Sommer nur kurze Zeit genügend Nährstoffe enthält, um die Raupe ein wenig wachsen zu lassen. So überwintert die Raupe etwa siebenmal, bevor sie sich verpuppt. Dabei übersteht sie mehrfach Temperaturen von bis zu minus 70 Grad.

 

Diese Arten überwintern als Raupe

Puppen im Winter

Am zweithäufigsten überwintern Schmetterlinge im Puppenstadium.
Die Raupen von Landkärtchen, Schwalbenschwanz, Segel- und Aurorafalter, sowie vielen anderen Tagfaltern verpuppen sich im Sommer oder Herbst an Stängeln oder Zweigen, sofern wir diese nicht bei Herbstarbeiten ummähen oder wegschneiden und sie damit dem Tode weihen.

Die Raupen vieler Nachtfalter, wie zum Beispiel dem Nagelfleck, verspinnen sich in der Laubschichte in Bodennähe oder sie vergraben sich oberflächlich im Boden. Einige Schwärmerarten bohren sich bis zu 30 Zentimeter tief in lockere Erde und spinnen sich dort eine möglichst frostsichere Höhle für die Überwinterung. 
Pfauenspinner-Raupen spinnen sich vor der Verpuppung auf Baumrinde oder Zweigen eine Schutzhülle, die sogenannten Kokons. Sie bieten ihnen im Winter eine bessere Tarnung, sowie einen gewissen Schutz vor Fressfeinden oder Wetterextremen. 

Winter-Eier

Seltener überwintern Raupenembryos im Ei. Die meisten Zipfelfalter-Arten legen ihre Eier dafür einzeln auf Zweigen der Futterpflanze ab. Das Weibchen des Schwammspinners legt alle Eier für die Überwinterung gemeinsam als Eispiegel und bedeckt sie mit hautreizenden Afterhaaren seines Hinterleibs, um sie im Winter vor Nässe, Kälte und möglichen Fressfeinden zu schützen. 

Falter in Winterstarre

Am seltensten überwintern fertige Falter in einer Winterstarre. Von den über 200 in Österreich heimischen Tagfaltern tun das nur sieben Arten, nämlich Tagpfauenauge, Kleiner und Großer Fuchs, C-Falter, Admiral, Trauermantel und der Zitronenfalter. Während alle vorhergenannten dafür einen wettergeschützten, möglichst frostfreien Ort aufsuchen, wie Baum- oder Felshöhlen, aber auch ungeheizte Gebäudeteile, vermag der Zitronenfalter in freier Natur zu überwintern. Er hängt an Gebüschen oder in Efeuhecken und überlebt von Eiskristallen überzogen Temperaturen bis zu minus 20 Grad. 

Alle Falter und sonstigen Entwicklungsstadien fallen bei tiefen Temperaturen in eine sogenannte Winterstarre oder Diapause ohne jede Nahrungsaufnahme. Der Stoffwechsel und die Herzfrequenz werden stark heruntergefahren, um den Energieverbrauch in dieser Zeit zu senken. 

 

Diese Arten überwintern als Puppe, (bzw. im Kokon)

Überleben in Eis und Schnee

Wie aber gelingt es Faltern, Eiern, Raupen und Puppen winterliche Minusgrade, teilweise gänzlich ungeschützt, zu überleben? Als wechselwarme Tiere müsste ihr Blut, die sogenannten Hämolymphe schließlich zu frieren beginnen. Die dabei entstehenden Eiskristalle würden das Zellgewebe ab einer gewissen Größe zerstören und die Tiere würden sterben. Das passiert aber nicht.

Der Zitronenfalter scheidet vor der Überwinterung zuerst einmal unnötiges Wasser aus, um die Hämolymphe aufzukonzentrieren und den eigenen Gefrierpunkt damit zu senken. Dann werden wie bei vielen anderen überwinternden Insekten Zuckeralkohole wie Glycerin und Sorbit gebildet und im Blut angereichert. Sie senken den Gefrierpunkt der Hämolymphe noch weiter ab. 
Zudem wurde vor einigen Jahrzehnten entdeckt, dass einige Arten sogenannte Anti-Frost-Proteine bilden. Sie lagern sich sofort an die ersten kleinen Eiskerne an, welche sich in der Hämolymphe bei Minusgraden bilden und blockieren somit deren weiteres Wachstum. So verhindern sie die Ausbildung größerer und damit zellzerstörender Eiskristalle im Körper. 
Wenn es wieder wärmer wird, können die Zuckeralkohole auch wieder in Zucker umgewandelt werden und dienen als erste Energiereserve, wenn Falter aus der Winterstarre erwachen oder im Frühling aus der Puppe schlüpfen. 

Eine weitere Option, den Winter zu überstehen, erleben wir bei einigen Wanderfaltern. Sie fliegen, bevor es für sie bei uns zu kühl wird, wieder zurück in den Süden und verbringen den Winter ohne Diapause in wärmeren, weitgehend frostfreien Gefilden. Dazu zählen einige Schwärmer, wie der Oleander- und der Windenschwärmer, aber auch Tagfalter wie der Distelfalter oder der Admiral. Der Klimawandel führt jedoch zu milderen Wintern, sodass letzterer immer öfter auch bei uns erfolgreich überwintert. 

Der Klimawandel kann aber auch dazu führen, dass in milden feuchten Wintern heimische Raupen oder Puppen verpilzen und absterben. Auch die Winterruhe der Fressfeinde verkürzt sich durch die Klimaveränderung, was negative Folgen haben kann. Viele Arten sind eben an die bisher üblichen Wintertemperaturen angepasst und mildere Winter helfen ihnen nicht unbedingt. 

 

Arten, die als Ei überwintern

Winterhilfe für Schmetterling, Raupe & Co – Warum sie so wichtig ist!

Dieser kleine Exkurs macht hoffentlich verständlicher, dass die Schmetterlinge mit sinkenden Temperaturen nicht wirklich verschwinden. Unsere Gärten und Grünräume sind im Herbst Horte für Eier, Raupen, Puppen und Falter, welche hier den Winter überdauern möchten. 

In den letzten Jahren sehe ich erfreulicherweise immer öfter, dass Straßenbegleitgrün seltener gemäht wird und Schmetterlingswiesen auf öffentlichen Flächen und in Gärten angelegt werden, um das Insektensterben zu bremsen. Ich sehe an Ortsrändern Wiesen voller fantastischer Nektarquellen für Schmetterlinge und Wildbienen, aber trotz Sonnenschein manchmal nur sehr wenige Schmetterlinge umherfliegen. 
Ich fürchte, dass dies vor allem einen Grund hat: Unsere überbordenden Pflegemaßnahmen für Grünräume im Herbst. Dadurch reduzieren wir die überwinternden Entwicklungsstadien unserer Schmetterlinge und Wildbienen in großem Umfang. Im Frühling beginnen viele Arten ihre Vermehrung deshalb auf geringstem Niveau und ihre Bestände können sich über den Sommer kaum erholen. Kommen dann noch schlechte Wetterbedingungen für ihre Entwicklung hinzu, verschwinden viele Arten gänzlich aus unserem Umfeld. 

Wir selbst schneiden in unserem eigenen Naturgarten deshalb keine Sträucher im Herbst, auf denen gerne Raupen oder Puppen seltener Arten überwintern. Niemals mähen wir die gesamte Wiesenfläche auf einmal und auch über den Winter lassen wir 10-30 % ungemäht stehen, damit Feuerfalter-Räupchen auf Ampfer oder Bläulingseier und -räupchen auf Kleearten wie Horn- oder Wundklee, sowie Puppen des Osterluzeifalters auf der Osterluzei und Schwalbenschwanzpuppen auf den Stängeln der Heilwurz überleben. Ihre Stängel werden erst Ende April entfernt, bzw. gemäht. 

Ein sommerliches Gewusel und Geflatter dutzender Ochsenaugen, Schornsteinfeger Schachbretter und zahlreicher Bläulingsarten sind unser Lohn, sowie auch die Sichtungen seltener Perlmutter-, Zipfel- und Feuerfalter-Arten.  

Tipps für Schmetterlingsretter
 
Zur erfolgreichen Förderung, insbesondere von selteneren Schmetterlingsarten ist der Erhalt und die Schaffung von Winterquartieren einer der besten Maßnahmen.

Dazu gehört es, Pflanzenstängel in Beeten und ungemähte Wiesenbereiche über den Winter stehen zu lassen, sowie auf das herbstliche Schneiden einiger Sträucher wie Heckenkirschen (Lonicera), verschiedene Weidenarten, Schlehen, Zitterpappeln und Spiersträuchern zu verzichten, auf denen Raupen des Kleinen Eisvogels, Eier von Zipfelfaltern, Raupen von Schillerfalter-Arten und des Schwarzen Trauerfalters überwintern. 

Aber auch Trockensteinmauern, Stein-, Laub- und Reisighaufen sind gute Überwinterungsquartiere für einige Raupen, Puppen oder Falter. 
Wenn Du zudem im Winter einen dunklen Schmetterling in ungeheizten Räumen findest, dann lass ihn am besten sitzen und sorge dafür, dass er in den ersten warmen Frühlingstagen beim Erwachen wieder ins Freie findet. Ist der Raum beheizt und der Falter deshalb aufgewacht, solltest du diesen rasch an einen kühlen Ort umquartieren, wo der im Frühling erwachende Falter von selbst wieder ins Freie findet. Das kann eine unbeheizte Scheune sein, ein großer Holzstoß unter einem Vordach, eventuell auch eine Schachtel mit einem breiten Schlitz, die man an einen möglichst frostfreien Ort verbringt. Überwinternde Raupen, die man zum Beispiel mit Blumentöpfen in den Wintergarten gebracht hat und die plötzlich im Winter herumkrabbeln, bitte wieder nach draußen setzen; am besten auf einen Laubhaufen, wo sie sich vergraben können. Sie brauchen die Kälte des Winters. 

Efeu, welcher z.B. an Mauern entlang wächst, ist für überwinternde Falter doppelt wertvoll. Erstens bietet er den überwinternden Faltern im Oktober eine letzte süße Nektarquelle vor der Winterruhe und zweitens wird sein immergrünes Blätterdach von Zitronenfaltern, manchmal auch von Admiralen als Überwinterungsort genutzt. 
Im zeitigen Frühjahr sind Salweiden eine erste ausgezeichnete Nektarquelle und zudem eine Raupenfutterpflanze für circa 200 der 4000 in Österreich lebenden Schmetterlingsarten. 

Mit diesen Maßnahmen können wir wesentlich dazu beitragen, dass das fortschreitende Insektensterben endlich gestoppt wird. 
Auch Fotos von Eiern, Raupen, Puppen und Faltern, die Du im Winter bei Spaziergängen entdeckst, und auf die App von Blühendes Österreich lädst, sind wertvoll. Denn es gibt noch viele Wissenslücken zu den Gewohnheiten und Bedürfnissen von Schmetterlingsarten im Winter. Deine Fotos können der Wissenschaft helfen, diese besser zu verstehen. 

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