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„Gegen jedes Wehwehchen ist ein Kraut gewachsen“ lautet eine alte Volksweisheit. Welches genau lernte ich im Zuge einer geführten Kräuterwanderung in der Region Nationalpark Kalkalpen: Rangerin Maria gab uns Nachhilfe in Sachen Heilkräuter und Wildpflanzen.

 

Unterlaussa: Das wildromantische Tor zum Nationalpark Kalkalpen

Etwas mehr als zwei Stunden Fahrtzeit von Wien entfernt beginnt meine Kräuterwanderung auf Höhe der idyllischen Schüttbauernalm oberhalb des Luftkurortes Unterlaussa, zu der sich ein 4,5 Kilometer langer Schotterweg schlängelt. Schon die Fahrt nach oben lässt keinen Zweifel zu: Hier ist Flora und Fauna noch intakt, man lässt die Natur sein, wie sie ist. Ob Borkenkäfer oder Totholz - alles hat seinen natürlichen Platz im Ökosystem.

Auch wenn wir uns hier nur am südlichen „Tor“ zum Nationalpark Kalkalpen befinden: Buchenwälder in sattem Grün prägen, genau wie im Nationalpark selbst, das Landschaftsbild. Buchenwälder sind mittlerweile sehr selten geworden.

Diese Einzigartigkeit hat die UNESCO dazu bewogen, dem Nationalpark Kalkalpen die Auszeichnung „Weltnaturerbe“ zu verleihen. Auch Maria ist stolz auf diese Auszeichnung: Als Wildnispädagogin und Nationalpark-Rangerin lebt sie dafür, Menschen Tag für Tag mehr Bewusstsein und Wertschätzung für die schützenswerte Schönheit und Vielfalt der Natur zu vermitteln.

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Die reiche Biodiversität im Nationalpark Kalkalpen und der Nationalpark-Region

Der Nationalpark in der Region des Sengsengebirges und Reichraminger Hintergebirges umfasst das österreichweit größte Waldschutzgebiet.
Mehr als 20.000 Hektar erstrecken sich auf einer Seehöhe von 385 bis 2.000 Meter. Hier findet sich all das, was wir Städter im hektischen Alltag besonders vermissen: Tiefe, dunkle Schluchten, üppig grüne Wälder und herrliche Ausblicke in kaum bebaute Täler. Zwischen mehr als 50 Säugetier- und 80 Brutvogelarten, über 1.400 verschiedenen Schmetterlingen und nahezu unzähligen Pflanzenarten können BesucherInnen des Nationalparks hier Kraft tanken.

Neben frischer Energie möchten die anderen TeilnehmerInnen der Kräuterwanderung und ich aber auch neues Wissen tanken: Nach einer kurzen Vorstellungsrunde auf der Almwiese beginnt auch schon unsere botanische Wanderung – die bereits nach wenigen Metern von einer Silberdistel unterbrochen wird. Die robusten Wildpflanzen wachsen vor allem auf mageren, kargen Böden und unbewaldeten Wiesen. Von diesen gibt es im Nationalpark Kalkalpen lediglich 6 %, den Rest der Fläche nehmen die Wälder ein.

 

3 Fakten zur Silberdistel 

 

  • Die krautige Silberdistel mit dem botanischen Namen Carlina acaulis aus der Familie der Korbblütler ist in manchen Regionen als Jägerbrot oder Wiesenkas bekannt.
  • Die Ähnlichkeit zu Artischocken machte die Pflanze früher zu einem beliebten, energiereichen Snack für Almwirte.
  • Die in der Sonne silbern funkelnde Distel ist in einigen Regionen Europas weitverbreitet, beispielsweise in Spanien oder der Ukraine. In Deutschland und Österreich gehört sie mittlerweile allerdings zu den gefährdeten Arten und darf daher nicht gesammelt werden.

 

Gemeinsam mit Rangerin Maria machen wir uns auf den Weg weiter nach oben, die teilweise recht steilen, felsigen Wanderpfade verlangten uns Einiges ab. Der anstrengende Aufstieg wird aber mit einem atemberaubenden Blick auf das umliegende Bergpanorama belohnt. Zudem verändern sich mit den Höhenmetern auch die Pflanzenarten, zu denen Maria uns mit botanischem Wissen versorgt: So kommen wir noch rechtzeitig, um den prächtigen Schwalbenwurz-Enzian in Blüte zu bestaunen, der mit seiner leuchtenden Farbe das Landschaftsbild der Region mitprägt.

 

3 Fakten zum Schwalbenwurz-Enzian 

  • Seiner späten Blütezeit verdankt er auch die Namen Herbst-Enzian und Hirschbrunft-Enzian.
  • Die Pflanze ist auf Selbstbestäubung angewiesen. Dafür ziehen sich die Narben weit zurück und kommen dann mit den Staubblättern in Berührung.
  • Die Wurzel des Schwalbenwurz-Enzians wurde bei Bissen wilder Tiere gegen Tollwut eingesetzt und soll laut Volksheilkunde gegen die Klauenerkrankung bei Hunden geholfen haben.

 

Nachdem wir uns an der Pracht des dunkelblauen Enzians sattgesehen haben, setzen wir unsere Streifzüge durch die unterschiedlichen Naturräume des Gebiets fort und müssen nicht lange auf eine weitere botanische Schönheit warten: Sonnengelb leuchtet uns das Ochsenauge entgegen.

 

3 Fakten zum Ochsenauge 

  • Die Sommerpflanze liebt lichte Waldgebiete und felsige Hänge – die Nationalpark-Region ist also optimal für die Pflanze geeignet.
  • Die anspruchslose krautige Pflanze wächst bis zu 60 cm in die Höhe.
  • Das Ochsenauge wurde dank seiner ätherischen Öle in der Volksheilkunde in Salben und Tinkturen verwendet.

 

Verblüfft darüber, wie wenig Wissen ich als gebürtige Tirolerin über die heimische Pflanzenwelt mitbringe, freue ich mich umso mehr über Marias motiviertes Bestreben, diese Wissenslücken zu schließen. Ihrem geschulten Auge entgeht nichts - im hüfthohen Gras entdeckt sie ein besonders schönes Exemplar der Pflanze „Angelica“, die auch als Engelwurz bekannt ist.  

 

3 Fakten zu Angelica oder Engelwurz 

 

  • Die Pflanze schmeckt extrem bitter und findet wegen ihres hohen Gehalts an ätherischen Ölen vielseitige Verwendungszwecke in der Volksheilkunde.
  • Seit mehr als 500 Jahren werden die Wirkungen der stattlichen Pflanze beschrieben. Sie soll zu Zeiten der Pest eingesetzt worden sein, um vor dem Ausbruch der Krankheit zu schützen, gegen Tuberkulose geholfen haben und wird heute vor allem zur Behandlung von Magen-Darm-Erkrankungen verwendet.
  • Wald-Engelwurz blüht von Juni bis September.

Unsere Kräuterwanderung führt uns über schmale Pfade immer weiter hinauf, die Ausblicke könnten grandioser kaum sein – doch Obacht, bei einer solch naturbelassenen Artenvielfalt verirrt sich schon mal eine Kreuzotter auf den Weg. Rangerin Maria gibt Entwarnung, niemand muss ich vor der Giftschlange fürchten, solange man sie nicht berührt. Sie ist sehr scheu und flüchtet sobald sie die Erschütterungen der Wanderschuhe auf den Pfaden spürt, weshalb es schon ein Glück ist, ein Exemplar zu beobachten. Entgegen der weit verbreiteten Meinung sind Schlangen nicht taub und können mit ihrem von außen nicht sichtbaren Innenohr die Vibrationen auch hören.

Nach einigen hundert Höhenmetern kommen wir glücklich und erschöpft am Gipfel Bodenwies an, von dem aus man sowohl auf das Gesäuse, das Sengsengebirge und das Tote Gebirge blicken kann. Wir stärken uns mit einer Jause und Maria überrascht uns mit einem kleinen Pflanzen-Quiz:

Wir sollen die vorhin besprochenen Pflanzen ihren jeweiligen Namen zuordnen. Mit vereintem Wissen gelingt es uns neu erfundenen Hobby-Botanikern, die Wildkräuter und Alpenpflanzen richtig zu benennen - obwohl Maria von manchen nur ein Blatt mitgenommen hat, um die Flora nicht allzu sehr zu stören.

Der Paarungstanz zweier Schwalbenschwänze toppt unser Gipfelglück, bevor wir uns auf den Weg zurück zur Schüttbauernalm machen.

Etwas betrübt blicke ich beim Abstieg auf einen weitläufigen, kargen Hang voller vertrockneter, umgekippter Bäume. Was ist denn hier passiert? Maria erklärt, dass Tot- und Altholz ein wichtiges Merkmal natürlicher Wälder ist. Totholz spielt im Ökosystem eine bedeutende Rolle und bildet Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten.

Schon gewusst?

  • Totholz ist in den Kohlenstoffkreislauf involviert: Kohlenstoff, der im Totholz gespeichert ist, wird im Laufe der Zeit allmählich vom Boden aufgenommen, wenn sich das abgestorbene Holz zersetzt.
  • Da stark zersetztes Totholz eine schwammähnliche Struktur aufweist, bildet es einen wichtigen Nährboden für Moose und trägt zur Baumverjüngung bei. Wegen der Feuchtigkeit wird es auch von Amphibien als Lebensraum genutzt.

 

Wir beenden unsere gemeinsame Kräuterwanderung am Parkplatz der Schüttbauernalm – und Eines ist gewiss: Ich werde ab jetzt mit offenen Augen durch die heimischen Wälder streifen und die facettenreiche Flora noch mehr zu schätzen wissen.

 

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