Beim Wildnis-Camp im Nationalpark Kalkalpen erfahren wir, was an Katastrophen wie dem Fichtensterben Gutes dran sein kann, wer dabei die große Gewinnerin ist - und warum ein Nationalpark eigentlich ein großes Experiment ist.

So also sieht das Tor zum Nationalpark aus: Ein kleiner Pfad, der über eine sanft abfallende Weide führt. Auf der einen Seite ein paar gemächlich malmende Kühe vor dem Hintergrund eines stoppeligen Steilhangs: hier wird mit Fichten aufgeforstet. Auf der anderen Seite, schon innerhalb des Parks und damit in der Bewahrungszone, ein ebenso steiler Hang. Hier liegt kreuz und quer totes Holz – für viele Fichten war die Last des Schnees diesen Winter zu schwer. Dazwischen aber bahnen sich schon junge Laubbäume ihren Weg ans Licht. Sie sind schneller als die sonst so prominent vertretene Fichte.

Das Ende einer Ära: Die Fichte flüchtet

Es scheint, ihre Glanzzeiten hier in der Region des Erzbergs sind vorüber. Einst wurden unter Maria Theresia tonnenweise Fichtensamen gestreut, denn dieser Nadelbaum war im Zuge der Eisenverhüttung hoch im Kurs. Nun flüchtet die Fichte in immer höhere Lagen, durch den Klimawandel wird es ihr zu warm und trocken. Der Borkenkäfer hat leichtes Spiel, weil die gestresste und geschwächte Fichte nicht genügend Harz zur Verteidigung produzieren kann.

Wenn die Fichte also die Verliererin ist, wer ist dann die große Gewinnerin?

Ein Experiment namens Nationalpark

Die Antwort auf genau diese Frage liefert der Nationalpark. Denn, so erklärt uns Nationalpark-Rangerin Petra Schabhüttl, die gemeinsam mit der Erdwissenschaftlerin Susanne Oyrer das Camp leitet: „Ein Nationalpark ist eigentlich immer ein großes Experiment. Hier darf Ungeplantes und Unvorhergesehenes geschehen. Wir lassen der Natur ihren Lauf, greifen nicht regulierend ein und beobachten, wie sich die Dinge entwickeln.“ Von den 21.000 Hektar des Nationalparks sind aktuell rund 400 Hektar Urwald-Fläche und auf Dreiviertel der Fläche darf sich die Natur gänzlich ohne menschliches Eingreifen entfalten.

Tu nichts – das ist die Philosophie des Nationalpark Kalkalpen.

Die letzten zwanzig Jahre haben gezeigt, dass sich passenderweise die „Mutter des Waldes“ durchgesetzt hat: Die Rotbuche mit ihrer mächtigen Krone spendet Leben – und Schatten, was uns angesichts der Sommerhitze besonders freut. Seit der letzten Eiszeit hat sie sich auf den Weg von Südeuropa in unsere Breiten gemacht. Etwa alle fünf Jahre gibt es ein Mastjahr, dann liegen den Waldbewohnern auch noch Bucheckern zu Füßen. „Durch den Klimawandel werden die Intervalle der Mastjahre allerdings kürzer. Der Baum gerät in Stress und produziert in Massen“, erklärt Petra. Damit steigt dann auch die Mäusepopulation, denn es gilt: Auf jedes Mastjahr folgt ein Mausjahr.

Neben der Buche dürften unter anderem auch diese Baumarten fit für den Klimawandel in Österreich sein:

  • Trauben- und Stieleiche
  • Birke
  • Douglasie
  • Weißtanne
  • Lärche

Chaos bringt Veränderung

Auch beim abendlichen Lagerfeuer ist das Fichtensterben ein Thema. „Meistens wird es natürlich als Katastrophe gesehen“, meint Petra „aber das ist eine Wertung von uns Menschen. Für die Natur selbst ist das nicht unbedingt nur negativ. Chaos bringt Veränderung – und die kann auch positiv sein.“

Was sie damit genau meint, wird uns die Wanderung am nächsten Tag deutlich zeigen. Nachdem wir uns am morgendlichen Lagerfeuer Kaffee und Eierspeise gekocht und dabei junge Adler beim Ziehen ihrer Kreise bewundert haben, geht es los. Unser Ziel: Der ursprünglichen Wildnis so nahe als möglich zu kommen.

    Platz da - Neues Leben neben toten Fichten

    Ein verschlungener Pfad, den wir bisweilen verlieren, weil er so verwachsen ist, führt über steile Hänge quer durch den Wald. Wir kommen an Gebieten vorbei, wo nur noch skelettartige silberne Stämme in den Himmel ragen. Das sieht auf den ersten Blick gespenstisch und nach Verwüstung aus – aber bald erkennen wir, dass hier längst nicht alles tot und verloren ist. Im Gegenteil, nun ist da wieder Licht und Raum für andere Pflanzen. Wir entdecken zum Beispiel

    • junge Buchen
    • Tollkirschen
    • Türkenbundlilien oder 
    • seltene Orchideenarten wie den Frauenschuh

    Weshalb der Borkenkäfer hier nicht wütet

    Das zeigt deutlich, wie anpassungsfähig die Natur ist. Hier im Nationalpark sind die Areale, in denen der Borkenkäfer dermassen gewütet hat, recht beschränkt. Das hat einen ganz einfachen Grund: Im Schutzgebiet wird vor allem ein Mischwald gefördert. Dadurch kann sich der Käfer, der alte Fichten bevorzugt, gar nicht erst so großflächig ausbreiten. Mit 32 verschiedenen Baumarten ist fast die Hälfte aller 65 in Österreich vertretenen Arten vertreten. Insgesamt gibt es drei Waldtypen im Nationalpark: Sie liegen in tiefen Schluchten, an sanften Hängen oder auf steinigem Karst und sind Lebensraum und Heimat von etwa

    • 50 Säugetierarten
    • 80 Vogelarten
    • tausenden Arten von Blütenpflanzen, Farnen und Moosen

    --> Mehr Baumarten blüht auch dem Wiener Wald

    Neues Leben dank totem Holz

    Totes Holz ist sowieso essenziell für die Kreisläufe der Natur und ihre Vielfalt. „Ein Viertel der insgesamt 1.500 Arten die hier im Nationalpark leben, sind auf Totholz angewiesen“, sagt Petra. Unter anderem auch zwei der „Big-Five“ des Nationalparks Kalkalpen:

    • Luchs
    • Rothirsch
    • Steinadler
    • Alpenbockkäfer (ohne Totholz kein Alpenbockkäfer)
    • Weißrückenspecht (ohne Larven des Alpenbockkäfers weniger Nahrung für Spechte)

    Fenster in die Wildnis

    Auf einer verwunschenen Lichtung am Grat des Quenkogels werden wir schließlich mit der Aussicht auf die zerklüfteten Felswände des Wasserklotz und die Schluchten und Kare des Hintergebirges belohnt. Hier oben, meint Petra, war wohl schon lange kein Mensch mehr: „Wir sind jetzt ganz nah dran am Urwald und an den Zellen des Parks, wo die Natur wirklich noch frei und ursprünglich ist.“ 

    Veranstaltungstipp für alle wilden Seelen da draußen

    Entdecke deine wilde Seite und die Vielfalt unberührter Natur: Der Nationalpark Kalkalpen bietet diesen Sommer weitere Wildnis-Camps zu unterschiedlichsten Themenschwerpunkten an. 

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    Termine: während der Öffnungszeiten des Weidendoms jeweils um 11:00, 14:00, und 16:00

    Öffnungszeiten Nationalpark Erlebniszentrum Weidendom:

    Mai, Juni: Samstag, Sonntag, sowie an Feier- und Fenstertagen geöffnet, jeweils 10:00 bis 18:00 Uhr
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    Anfahrt: Das Erlebniszentrum liegt an der Bundesstraße B146 direkt an der Abzweigung nach Johnsbach, gleich gegenüber vom Gasthof zur Bachbrücke.

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    Das Erlebniszentrum liegt an der Bundesstraße B146 direkt an der Abzweigung nach Johnsbach, gleich gegenüber vom Gasthof zur Bachbrücke.

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    INFO & ANMELDUNG bis 12 Uhr am Vortag im TV Naturpark Pöllauer Tal.

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