Literatur & Wandern in Retz: Unschuldslämmer & gefinkelte Pflanzen

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Was haben eine alte Windmühle, Trockenrasen und die Geschichte von Wolf und Schaf gemeinsam? Die Spuren laufen im Niederösterreichischen Retz zusammen. Beim 2. Termin von Literatur & Wandern 2018 ging es um diese einzigartige ökologische Fläche und diejenigen, die sich im Sommer so hingebungsvoll um ihren Erhalt kümmern: Schafe. Die waren zwar nicht mit von der Partie, dafür Schäfer Stefan Hirsch und Trockenrasen-Expertin Gabriele Bassler-Binder. Vom Gollitsch mit auf die Metaebene nahm uns anschließend noch Autor Eckhard Fuhr.

Der Trockenrasen war ja mitsamt seines Heideginsters, Habichtskrauts und den Kartäusernelken anwesend. Nur die geheimen Stars dieser Wanderung, nämlich die Schafe, haben die Gelegenheit zu ihrem großen Auftritt knapp versäumt. Schäfer Stefan Hirsch, der sie über den Sommer zwischen Gollitsch, Parapluiberg und Windmühlberg herumchauffiert, muss vor dem Saisonstart erst noch die gesamte Herde scheren. Denn während sie die Trockenrasen beweiden, brauchen sie ihren winterlichen Wollmantel nicht. Wieso, bekommen wir an diesem Maisamstag deutlich zu spüren. Es ist hochsommerlich heiß und die hoch aufgetürmten Quellwolken am Horizont sorgen für drückende Schwüle.

 

Hungrige Naturschützer

Dafür belgeiten uns Stefan Hirsch und seine Mutter Elisabeth auf der Wanderung und beantworten geduldig alle meine Fragen zu ihren Tieren und dem Leben mit ihnen. Warum sie die Schafe nicht einfach bei sich rund um den Hof weiden lassen, möchte ich von ihnen wissen. Jeden Tag rund 300 Liter Wasser die fünf Kilometer vom Hof zu den Trockenrasenflächen rund um Retz zu transportieren, könnte man sich doch sparen? Und sie regelmäßig wieder einzufangen und auf eine andere Weide zu bringen, ebenso. Denn, erzählt Stefan von seinem nicht immer ganz reibungslosen Alltag mit den Schafen, „wenn sie nicht mehr genügend Futter finden, hauen sie ab“. Zum Glück melden ihm das die Retzer, immerhin weiß in der Gegend fast jeder, wem die Schafe gehören. Und dass man sie hier nicht einfach zum Spaß weiden lässt, auch. Denn die Schafe leisten mit ihrem Appetit einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz. Sie bewahren den Trockenrasen nämlich vor dem Verbuschen und schaffen so einen Lebensraum für viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Auch der Trockenrasen selbst gilt laut Roter Liste der gefährdeten Biotoptypen Österreichs als schwer regenerierbar und stark gefährdet. Genau deswegen wird der Schäfer von der Stadt Retz und der Stiftung Blühendes Österreich im Zuge des Naturschutzprogramms Flora bei seinen Bemühungen unterstützt. Und während ich insgeheim noch überlege, was denn eigentlich genau ein Trockenrasen ist, machen wir unseren ersten Zwischenstopp.

Federgras (c) Verena Blöchl

Trocken grasen auf Trockenrasen

Glücklicherweise wandert nicht nur ein Schaf-, sondern auch eine Trockenrasenexpertin mit uns. Während wir nun vom Windmühlberg aus in die Ferne spähen, klärt uns die Ökologin und Schutzgebietsbetreuerin Gabriele Bassler-Binder auf. Denn wir befinden uns hier im Grenzgebiet zwischen dem trockenen Wein- und dem feuchten Waldviertel. Daher also der Name – Trockenrasen. Immerhin ist das westliche Weinviertel die trockenste Gegend in ganz Österreich. Diese steppenartigen Biotope an sonnigen, trockenen Standorten wie eben hier rund um Retz bieten einer Vielzahl seltener oder bedrohter Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Zum Beispiel:

  • Heidelerche
  • Sperbergrasmücke
  • Smaragdeidechse
  • Walliser Schwingel
  • Sand-Grasnelke
  • Feinblattschafgarbe
  • Sand-Strohblume
  • Küchenschelle
  • Böhmischer Gelbstern

 

Sie sind speziell an die Bedingungen angepasst. Um mit der extremen Trockenheit fertig zu werden, haben die Pflanzen zum Beispiel wachsüberzogene Stängel und Blätter, eine dichte Behaarung oder besonders dicke Blätter, in denen sie viel Wasser speichern können. Oder die Blätter sind schmal und V-förmig, damit das Wasser nicht so schnell verdunstet.

 

(c) Verena Blöchl

Kein Meer mehr

Leider bin ich keine solche Pflanze und froh, dass nun ein leises Lüftchen um den Windmühlberg weht und für etwas Abkühlung sorgt. Von unserem erhöhten Standpunkt aus sehen wir in Norden bis nach Tschechien, südlich von uns liegt der Gollitsch. Interessanterweise war das Retzer Land vor vielen Millionen Jahren einmal die Küste eines Meeres, erzählt Gabriele Bassler-Binder nun. Deswegen findet man auch immer wieder marine Ablagerungen und Sedimente.

Ein Blick in die Speisekarte

Woher der Windmühlberg seinen Namen hat, erklärt sich im Gegensatz zum Trockenrasen wirklich von ganz alleine. Auf unserem Weg zum Gollitsch kommen wir an der ältesten funktionstüchtigen Windmühle Österreichs vorbei. Als Wahrzeichen thront sie schon seit 1853 in ihrer jetzigen Form über Retz. Durch die Weinberge geht es weiter und wäre ich an der Spitze unserer Wandergesellschaft, hätte ich vielleicht auch die Chance, eine grün schillernde Smaragdeidechse zu erspähen. Am Gollitsch selbst bietet sich noch einmal die Gelegenheit, die ganz spezielle Flora und damit sozusagen das Menü der Schafe genau unter die Lupe zu nehmen. Hier ein Habichtskraut, das bei großer Hitze einfach seine Blätter umdreht und damit das Licht reflektiert. Dort ein saftiger, dickblättriger Donarsbart und ein gerade verblühter Heideginster. „Die beiden schmecken den Schafen besonders gut“, sagt Stefan. Glücklicherweise auch die Zwergweichsel, die sich ohne den Hunger der Schafe schnell flächendeckend ausbreiten würde.

Eckhard Fuhr liest aus seinem neuen Buch "Schafe" (c) Verena Blöchl

Von wegen Unschuldslamm

Feines Federgras schaukelt im Wind, der allerdings die Eidechsen vergrault, während wir uns auf den Rückweg zur Retzer Stadtbibliothek machen. Gemeinsam mit Eckhard Fuhr, Journalist, Autor und Jäger in Personalunion, möchten wir uns dem Thema Schafe in gewisser Weise auch noch auf einer Metaebene widmen. Denn so wie die Schafe hier die Landschaft prägen, tun sie das seit vielen hundert Jahren. Und was Stadtmenschen wie ich vielleicht schnell als idyllisch empfinden, ist es oft gar nicht. So erfahren wir bei Eckhard Fuhrs Lesung, dass die Schafzucht früher viele Existenzen bedrohte, teilweise den Ackerbau und die vielfältige Nutzung des Landes zerstörte. Was die Frage aufwirft, wie unschuldig die Lämmer und Schafe denn tatsächlich sind. Neben der Erforschung der Natur- und Kulturgeschichte von Schafen streitet Eckhard Fuhr sich besonders gerne über Wölfe. Passt er in unsere Welt, in unsere Kulturlandschaft, fragt er sich und findet: Ja. Es sei nur eine Frage des Arrangements. Neben mir sitzen Elisabeth und Stefan Hirsch. Ich flüstere ihnen zu, was sie denn eigentlich davon halten. In Allentsteig lebt ja ein Wolfsrudel. Und auch nicht weit vom Hof der Hirschs entfernt hat man vor kurzem einen Wolf gesehen. Ob sie sich demnächst einen Hund zum Schutz der Herde zulegen? „Ich glaube nicht, dass der Hund zwischen bösem Wolf und harmlosem Spaziergänger unterscheidet“, hat Stefan Hirsch seine Zweifel. Das Leben mit der Natur ist eben nicht immer einfach. Aber jeder schützt, was er kann. Jedenfalls schützen hier in Retz die Schafe bald wieder den Trockenrasen. (Autorin: Julia Kropik)


Save the date: Lesung mit Erwin Riess auf dem Nikolaihof

Für seinen herbstlichen Ausklang am 6. Oktober hat sich „Literatur & Wandern“ ein ganz besonderes Ziel ausgesucht und lädt dich im Anschluss an eine Wanderung durch die bezaubernde Wachau, in das älteste Weingut Österreichs. Auf den 22 Hektar des Nikolaihofs werden nach strengen biodynamischen Demeter-Richtlinien vornehmlich Riesling und Grüner Veltliner kultiviert. In den Weingärten wird ausnahmslos auf Herbizide, Pestizide, Kunstdünger oder synthetische Spritzmittel verzichtet. Die Weine vergären auf der hauseigenen Hefe und lagern im geschichtsträchtigen, römischen Weinkeller in großen, alten Eichenholzfässern bis zu 20 Jahre.

Historisch, nachhaltig und barrierefrei, ist diese Location wie geschaffen für eine Lesung des Schriftstellers und Behindertenaktivisten Erwin Riess. Der 1957 in Wien geborene Verfasser von Theaterstücken, Hörspielen, Drehbüchern, Krimiromanen und Prosa ist seit mehr als 30 Jahren Rollstuhlbenutzer, war wissenschaftlicher Referent für behindertengerechtes Bauen im österreichischen Wirtschaftsministerium und engagiert sich bei EUCREA, dem europäischen Netzwerk für Kreativität von und für Personen mit Behinderung.


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